Der Frühling macht sich auch in der Lawinensituation bemerkbar und warum dauert das so lange mit dem Altschneeproblem?

Was ist passiert und wie geht es weiter?

Seit dem letzten Blogeintrag hat sich die Lawinensituation etwas beruhigt: Langsam aber stetig schwächt sich das Altschneeproblem ab – auch wenn vereinzelt nach wie vor Lawinen im schwachen Altschnee ausgelöst werden können. Das Nassschneeproblem ist Anfang der Woche ebenfalls etwas zurück gegangen, wird mit steigenden Temperaturen allerdings wieder etwas ausgeprägter.

Ende der letzten Woche war die Lawinensituation weiterhin angespannt. In Schattenhängen und in der Höhe in allen Expositionen konnten noch immer leicht Lawinen im Altschnee ausgelöst werden. Fernauslösungen und Wummgeräusche waren eher die Regel als die Ausnahme.

Eine kleine bis mittlere Lawine, die in einem Nordosthang auf etwa 2500 m im Altschnee angebrochen ist. (Foto: Arne Bergau, 27.02.2026)
Nach wie vor entstanden beim Betreten der Schneedecke vielerorts Risse, so wie hier in Freibrunn in Langtaufers. (Foto: Josef Plangger, 27.02.2026)

An Sonnenhängen hingegen erfreute sich so manche:r an den ersten Firntouren des Jahres. Durch die teils klaren Nächte war die Gefahr von Nassschneelawinen in den frühen Morgenstunden gering. Im Tagesverlauf wurde die Schneedecke immer nässer und es kam auch zu der ein oder anderen Nassschneelawine.

Spuren im oberflächlich aufgeweichten Schnee konnten beispielsweise am Hohen Mann im Gsiesertal gezogen werden. (Foto: Toni Obojes, 27.02.2026)
Die Berge „schwitzen“ in der Sonne, der Schnee wird immer weniger, der Frühling lässt nicht mehr lange auf sich warten. (Foto: Grünsee, Ulten, Armin Oberhollenzer, 28.02.2026)

Anfang der Woche dann – wir konnten es selbst kaum glauben – wurde die Anzahl an Rückmeldungen mit „frischen Lawinen“ und „Fernauslösungen“, geringer. Auch bekamen wir nun Kommentare wie „nur noch vereinzelt Wummgeräusche“. In der Höhe blieb es nach wie vor recht winterlich.

Wechtenbildung im winterlichen Hochgebirge auf dem Hennesigl (3100 m) in Langtaufers. (Foto: Josef Plangger, 02.03.2026)

Auch blieben die Temperaturen zwar mild, doch es wurde etwas frischer und die Gefahr von Nassschneelawinen ging etwas zurück. Nach wie vor war allerdings vereinzelt mit Nassschneelawinen zu rechnen.

Nassschneeaktivität in den Südwesthängen auf 2300 m unterhalb der Schlüterhütte im Villnösstal. (Foto: Matthias Hofer, 03.03.2026)

Frühlingshafte Bedingungen gab es Anfang der Woche auch hinsichtlich des Niederschlags. Dieser fiel am Montag im ganzen Land mit „schauerartigem Charakter“. Das heißt, der Niederschlag war lokal sehr unterschiedlich und von vergleichsweise kurzer Dauer, dafür aber recht intensiv. Außerdem fiel der Niederschlag vielerorts auch in Form von Graupel.

In Pens in Sarntal hatte es über Nacht geschneit: Etwa 10 cm feiner Pulver lag auf einer harten, tragfähigen Kruste. (Foto: Schönjöchl, Lawinenwarndienst Südtirol, 03.03.2026)
Durch den schauerartigen Charakter der Niederschläge fand man vielerorts Graupel in der Schneedecke. (Foto: Schönjöchl, Sarntal, Lawinenwarndienst Südtirol, 03.03.2026)

Doch das Altschneeproblem ist noch nicht gebannt. Die Häufigkeit der Gefahrenstellen mag zwar zurück gegangen sein, doch es gibt vereinzelt noch immer Stellen, wo einzelne Wintersportler:innen die Schwachschicht an der Basis der Schneedecke stören können. Nachdem die schwache Basis, wie das Wort schon sagt, ja an der Basis der Schneedecke liegt und auch großflächig vorhanden ist, werden Lawinen dann auch relativ groß. Wir haben es zurzeit also mit einer klassischen „low probability – high consequences (geringe Wahrscheinlichkeit – hohe Konsequenz)“ Situation zu tun. Kurz gesagt, Lawinen sind nicht mehr ganz so leicht auszulösen, wenn, dann können sie allerdings recht groß werden.

Man erkennt deutlich die Schwachschicht mit großen Becherkristallen an der Basis der Schneedecke. In dieser schwachen Basis löste sich bei einem ECT oberhalb der Zufallhütte in Martell auf 2300 m der ganze Block beim 23. Schlag. (Foto: Robert Kofler, 01.03.2026)

Auch die Nassschneeaktivität wird in den kommenden Tagen wieder etwas ansteigen. Zum einen werden die Temperaturen etwas milder, zum anderen erreicht uns etwas Saharastaub. Ist Saharastaub in der Atmosphäre, so bilden sich leichter Wolken (der Saharastaub wirkt als Kondensationskern), wodurch ein Ausstrahlen der Schneedecke eingeschränkt bzw. verhindert wird. Die Schneedecke bleibt nass. Zudem ist es bei solchen Bedingungen recht dunstig und die Sicht ist eingeschränkt. Hinzu kommt, dass es bei solchen Situationen recht schwierig ist, die Bewölkung im Vorhinein zu prognostizieren.

Kann ein Altschneeproblem überhaupt verschwinden?

Die gute Nachricht: Ja, ein Altschneeproblem kann verschwinden. Die schlechte Nachricht: Es ist häufig sehr langwierig und hartnäckig. Nicht umsonst wird es im Englischen als „persistent weak layer (langlebige Schwachschichten)“ bezeichnet.

Im wesentlichen gibt es drei Prozesse, die das Altschneeproblem bändigen:

  • Banal aber wirksam: Der Schnee schmilzt, das Gelände apert aus.
  • Flüssiges Wasser: Kommt Wärme in den Altschnee, so unterliegt dieser der Schmelzmetamorphose, das heißt er wird nass. Während anfangs die Feuchte die Becherkristalle vielleicht sogar besser aneinander haften lässt, führt flüssiges Wasser schnell zu einer zusätzlichen Labilisierung von persistenten Schwachschichten. Somit steigt die Lawinenaktivität in Form einer Kombination aus Alt- und Nassschneeproblem zunächst an (am schlimmsten ist immer die erste Durchnässung). Gefriert die schwache Schicht allerdings wieder, so stabilisiert sie sich auch und das Altschneeproblem geht zurück.
  • Isotherme Schneedecke: Der treibende Faktor der aufbauenden Schneemetamorphose, welche zur Bildung von persistenten Schwachschichten führt, ist ein großer Temperaturgradient innerhalb der Schneedecke. Einfach gesagt, wenn der Temperaturunterschied zwischen Schneebasis und Schneeoberfläche groß ist, wachsen Becherkristalle. Nimmt man der Schneedecke diesen Temperaturunterschied, das heißt in der gesamten Schneedecke herrscht mehr oder weniger die gleiche Temperatur, so dominiert hingegen die Abbaunde Umwandlung: Schneekristalle werden wieder kleiner und runder und die Schwachschicht wird wieder stabiler. Der Prozess ist allerdings sehr langsam und träge.
    Dies ist auch, was das Altschneeproblem in Südtirol zurzeit etwas bändigt: Der Temperaturunterschied in der Schneedecke wird mit den Frühlingstemperaturen immer kleiner und so werden auch die Schwachschichten nicht mehr ganz so instabil.
Schön aber gefährlich. Eingeschneite Becherkristalle bilden eine perfekte-persistente (langlebige) Schwachschicht. (Foto: Lawinenwarndienst Südtirol, Dezember 2025)