Was ist passiert und wie geht es weiter?
Seit dem letzten Blogeintrag hat sich die Lawinensituation etwas beruhigt: Langsam aber stetig schwächt sich das Altschneeproblem ab – auch wenn vereinzelt nach wie vor Lawinen im schwachen Altschnee ausgelöst werden können. Das Nassschneeproblem ist Anfang der Woche ebenfalls etwas zurück gegangen, wird mit steigenden Temperaturen allerdings wieder etwas ausgeprägter.
Ende der letzten Woche war die Lawinensituation weiterhin angespannt. In Schattenhängen und in der Höhe in allen Expositionen konnten noch immer leicht Lawinen im Altschnee ausgelöst werden. Fernauslösungen und Wummgeräusche waren eher die Regel als die Ausnahme.


An Sonnenhängen hingegen erfreute sich so manche:r an den ersten Firntouren des Jahres. Durch die teils klaren Nächte war die Gefahr von Nassschneelawinen in den frühen Morgenstunden gering. Im Tagesverlauf wurde die Schneedecke immer nässer und es kam auch zu der ein oder anderen Nassschneelawine.


Anfang der Woche dann – wir konnten es selbst kaum glauben – wurde die Anzahl an Rückmeldungen mit „frischen Lawinen“ und „Fernauslösungen“, geringer. Auch bekamen wir nun Kommentare wie „nur noch vereinzelt Wummgeräusche“. In der Höhe blieb es nach wie vor recht winterlich.

Auch blieben die Temperaturen zwar mild, doch es wurde etwas frischer und die Gefahr von Nassschneelawinen ging etwas zurück. Nach wie vor war allerdings vereinzelt mit Nassschneelawinen zu rechnen.

Frühlingshafte Bedingungen gab es Anfang der Woche auch hinsichtlich des Niederschlags. Dieser fiel am Montag im ganzen Land mit „schauerartigem Charakter“. Das heißt, der Niederschlag war lokal sehr unterschiedlich und von vergleichsweise kurzer Dauer, dafür aber recht intensiv. Außerdem fiel der Niederschlag vielerorts auch in Form von Graupel.


Doch das Altschneeproblem ist noch nicht gebannt. Die Häufigkeit der Gefahrenstellen mag zwar zurück gegangen sein, doch es gibt vereinzelt noch immer Stellen, wo einzelne Wintersportler:innen die Schwachschicht an der Basis der Schneedecke stören können. Nachdem die schwache Basis, wie das Wort schon sagt, ja an der Basis der Schneedecke liegt und auch großflächig vorhanden ist, werden Lawinen dann auch relativ groß. Wir haben es zurzeit also mit einer klassischen „low probability – high consequences (geringe Wahrscheinlichkeit – hohe Konsequenz)“ Situation zu tun. Kurz gesagt, Lawinen sind nicht mehr ganz so leicht auszulösen, wenn, dann können sie allerdings recht groß werden.

Auch die Nassschneeaktivität wird in den kommenden Tagen wieder etwas ansteigen. Zum einen werden die Temperaturen etwas milder, zum anderen erreicht uns etwas Saharastaub. Ist Saharastaub in der Atmosphäre, so bilden sich leichter Wolken (der Saharastaub wirkt als Kondensationskern), wodurch ein Ausstrahlen der Schneedecke eingeschränkt bzw. verhindert wird. Die Schneedecke bleibt nass. Zudem ist es bei solchen Bedingungen recht dunstig und die Sicht ist eingeschränkt. Hinzu kommt, dass es bei solchen Situationen recht schwierig ist, die Bewölkung im Vorhinein zu prognostizieren.
Kann ein Altschneeproblem überhaupt verschwinden?
Die gute Nachricht: Ja, ein Altschneeproblem kann verschwinden. Die schlechte Nachricht: Es ist häufig sehr langwierig und hartnäckig. Nicht umsonst wird es im Englischen als „persistent weak layer (langlebige Schwachschichten)“ bezeichnet.
Im wesentlichen gibt es drei Prozesse, die das Altschneeproblem bändigen:
- Banal aber wirksam: Der Schnee schmilzt, das Gelände apert aus.
- Flüssiges Wasser: Kommt Wärme in den Altschnee, so unterliegt dieser der Schmelzmetamorphose, das heißt er wird nass. Während anfangs die Feuchte die Becherkristalle vielleicht sogar besser aneinander haften lässt, führt flüssiges Wasser schnell zu einer zusätzlichen Labilisierung von persistenten Schwachschichten. Somit steigt die Lawinenaktivität in Form einer Kombination aus Alt- und Nassschneeproblem zunächst an (am schlimmsten ist immer die erste Durchnässung). Gefriert die schwache Schicht allerdings wieder, so stabilisiert sie sich auch und das Altschneeproblem geht zurück.
- Isotherme Schneedecke: Der treibende Faktor der aufbauenden Schneemetamorphose, welche zur Bildung von persistenten Schwachschichten führt, ist ein großer Temperaturgradient innerhalb der Schneedecke. Einfach gesagt, wenn der Temperaturunterschied zwischen Schneebasis und Schneeoberfläche groß ist, wachsen Becherkristalle. Nimmt man der Schneedecke diesen Temperaturunterschied, das heißt in der gesamten Schneedecke herrscht mehr oder weniger die gleiche Temperatur, so dominiert hingegen die Abbaunde Umwandlung: Schneekristalle werden wieder kleiner und runder und die Schwachschicht wird wieder stabiler. Der Prozess ist allerdings sehr langsam und träge.
Dies ist auch, was das Altschneeproblem in Südtirol zurzeit etwas bändigt: Der Temperaturunterschied in der Schneedecke wird mit den Frühlingstemperaturen immer kleiner und so werden auch die Schwachschichten nicht mehr ganz so instabil.

