In den bevorstehenden Tagen erwartet uns recht turbulentes Wetter mit Niederschlägen, teils starkem Wind und einem auf und ab der Temperaturen. Neu- und Triebschnee werden dabei auf eine sehr schwache Schneedecke abgelagert. Die Gefahrenstellen nehmen damit wieder zu – Lawinen können schon von einzelnen Personen ausgelöst werden. Alarmzeichen wie Wummgeräusche und Risse können auf die Gefahr hinweisen. Die Situation bleibt also großteils ungünstig und erfordert Vorsicht und Zurückhaltung.
Schneedecke und Lawinensituation
Der Schneedeckenaufbau an West-, Nord und Osthängen im Bereich der Waldgrenze und oberhalb zeigt sich verbreitet schwach. Im unteren oder mittleren Teil der Schneedecke finden sich Schwachschichten aus großen kantigen Kristallen oder Tiefenreif – teils unter oder oberhalb von Schmelzkrusten. Weiter oben in der Schneedecke kann gebietsweise und besonders in etwas geschützten Bereichen eingeschneiter Oberflächenreif angetroffen werden.

In Osttirol hat sich mit den Schneefällen vergangene Woche oberhalb dieser Schwachschichten ein sehr gutes Brett ausgebildet. Besonders am Wochenende und zu Wochenbeginn haben uns von dort zahlreiche Rückmeldungen von Lawinen, Fernauslösungen und Alarmzeichen erreicht, welche die ungünstige Situation bestätigten. Immer noch und über das Wochenende hinaus muss man dort von zahlreichen Stellen ausgehen, wo besonders im sehr steilen, schattseitigen Gelände Schneebrettlawinen leicht ausgelöst werden können. Weil dort rund 40 bis 100 cm Schnee oberhalb der Schwachschichten liegen, können Lawinen in entsprechendem Gelände vereinzelt auch groß werden.

In Nordtirol ist die Anzahl an Rückmeldungen von frischen Lawinen und Alarmzeichen letzthin etwas zurückgegangen. Dies hat v.a. damit zu tun, dass das Schneebrett hier aufgrund von Hochdruckwetter und dadurch bedingter aufbauender Umwandlung sehr langsam aber doch an Bretteigenschaften verloren hat und Brüche nicht mehr ganz so gut fortzupflanzen vermochte.
Mit etwas Neuschnee und insbesondere mit dem starken bis stürmischen Westwind, welcher am Dienstag, 10.02. eingesetzt hat, hat sich dieser Trend wieder umgekehrt. Auch wurde mit dem Neu- und Triebschnee – dort wo der Wind oder Wärme ihn nicht vorher zerstört hatte – erneut Oberflächenreif überlagert. Mit den Niederschlägen in den nächsten Tagen wird die Situation dann zunehmend wieder ungünstiger werden. Schneebrettlawinen können auch hier leicht ausgelöst werden und mittlere Größe erreichen. Vorsicht besonders in mit Triebschnee gefüllten Rinnen und Mulden!






Weiterer Wetterverlauf: Turbulent
Die GeoSphere Austria prognostiziert in den kommenden Tagen ein recht wechselhaftes Wettergeschehen. Allgemein befinden wir uns in einer nachhaltig starken Westströmung, in welcher immer wieder feuchte Luftmassen an die Alpen herangetragen werden.


Die Wetterentwicklung sorgt also dafür, dass sich wieder ein gutes Schneebrett ausbilden kann und sich so Brüche in den oben genannten Schwachschichten fortpflanzen können. Sofern die prognostizierten Schneefälle so eintreten, ist somit wieder mit einer Zeit höherer Lawinenaktivität zu rechnen.
Aufgrund der hohen Störanfälligkeit und weiten Verbreitung der Schwachschichten sind Fernauslösungen wieder vermehrt möglich. Gefahrenstellen sind auch für geübte kaum zu erkennen. Vorsicht und Zurückhaltung bleiben wichtige Werkzeuge im Umgang mit der bevorstehenden Gefahrensituation.

Wie lange bleibt uns das Altschneeproblem diesen Winter noch erhalten?
Die kurze Antwort lautet: bis zum Abschmelzen der Schneedecke.
Der aktuelle Schneedeckenaufbau lässt keine maßgebliche Veränderung des bisherigen Charakters dieses Winters erhoffen. Das weitverbreitet sehr schwache Fundament der Schneedecke mit besonders gut ausgebildeten Schwachschichten in Form von großen kantigen Kristallen oder Tiefenreif hat die Eigenschaft, über einen ganzen Winter immer wieder aufzuflammen und für Zeiten erhöhter Lawinengefahr zu sorgen. Ein Aufflammen geschieht dann, wenn das Wettergeschehen für ein besser ausgeprägtes Brett über der Schwachschicht sorgt – zumeist in Verbindung mit Schneefällen und/oder Wind – einer Situation also, welche uns in den kommenden Tagen wieder bevorsteht.


Nach solchen Situationen höherer Störanfälligkeit und/oder Lawinenaktivität erfolgt dann stets nur eine sehr langsame Beruhigung bzw. Verbesserung der Situation. Diese Verbesserung kann zwei Ursachen haben: (1) das Brett wird aufgrund von aufbauender Umwandlung bei Hochdruckwetter zusehends „aufgefressen“ – und kann Brüche nicht mehr gut fortpflanzen. Oder (2) es liegt bedeutend mehr Schnee oberhalb der Schwachschicht, welches einerseits dazu führt, dass die Schwachschicht an weniger Stellen gestört und als Lawine ausgelöst werden kann, und andererseits, dass die Schneeauflast und der geringere Temperaturgradient in der Schwachschicht zu einer allmählichen Versinterung und somit Verstärkung der Kontaktpunkte zwischen den einzelnen Schneekristallen führt.
Was in beiden Situationen heimtückisch bleibt: Auch wenn die Gefahrenstellen durch die beschriebenen Prozesse langsam abnehmen mögen, sind solche verbleibende Stellen im Gelände nicht sichtbar und es können an solchen Hotspots weiterhin Schneebrettlawinen im Altschnee initiiert werden. In den schneereicheren Regionen können diese dann auch große Ausmaße annehmen. Dies bezeichnen wir dann oft als „low risk – high consequences“- Szenario: Ein „schlummerndes“ Altschneeproblem, welches dann aufgrund der Verteilung der Gefahrenstellen oft mit Gefahrenstufe 2 einhergeht.
Ein solcher Altschneewinter endet dann im Regelfall in einem „Grande Finale“ im Frühjahr, wenn die Schwachschicht das erste Mal durchfeuchtet wird und zahlreiche – je nach Schneemächtigkeit mitunter große bis sehr große – Lawinen abgehen.
Eine wesentliche, nachhaltige Besserung im laufenden Winter wäre nur durch eine massive Belastung der Schneedecke durch markante Niederschlagsereignisse oder aber Wärmeeintrag bis zur Schwachschicht möglich, welche diese ausräumt und einen Neustart der Schneedeckenentwicklung mit sich bringen würde. Beide Ereignisse sind extrem unwahrscheinlich.
Lawinenunfall Schafseitenspitze
Neben rund 20 weiteren Lawinenabgängen, welche uns von der Leitstelle, von unseren BeobachterInnen sowie SNOBS in den vergangenen 7 Tagen rückgemeldet worden sind, kam es am Sonntag, 08.02. auch zu einem glimpflich ausgegangenen Lawinenunfall an der Schafseitenspitze (2602m) oberhalb von Navis.
In der Abfahrt in einem extrem steilen, nach NO- exponierten Hang südlich des Gipfelaufbaus des Schafseitenspitze in den westlichen Tuxer Alpen, löste sich eine Schneebrettlawine, welche eine Person rund 500 Höhenmeter mitriss. Der Begleiter konnte die Bergrettung alarmieren. Beide Personen blieben unverletzt.



