Spontane Lawine vom vergangenen Wochenende (© LWD Tirol. 13.01.2026)

Nur langsamer Rückgang der Lawinengefahr – Unfallanalyse Wetterkreuz

Wir haben es unverändert mit einer verbreitet recht störanfälligen Schneedecke zu tun. Das bestätigen die bei uns bis inklusive heute, 15.01., täglich eingegangenen Meldungen über Lawinenauslösungen von WintersportlerInnen, aber auch von Setzungsgeräuschen, Rissbildungen und Fernauslösungen. Die Lawinengefahr geht zwar stetig, jedoch nur langsam zurück. Erfahrung und Zurückhaltung im freien Gelände erscheinen deshalb weiterhin angebracht. Kurz gehen wir auch noch etwas detaillierter auf den tödlichen Lawinenunfall unterhalb des Wetterkreuzes am 11.01.2026 ein.

Unfallanalyse Wetterkreuz (11.01.2026)

Zwei Personen starteten ihre Skitour vom Gasthaus Hüttegg, anfangs über die dortige Piste, dann über freies Gelände Richtung Gilfert. Im Bereich des Wetterkreuzes unterhalb des Gilferts beendeten sie ihre Tour und beschlossen, nordseitig abzufahren. Dabei folgten sie vier bereits vorhandenen, frischen Abfahrtsspuren. Die beiden Personen hielten bei der Abfahrt Abstände. Als die vorausfahrende Person den Nordhang querte, löste sich in dem ca. 35° steilen Nordhang eine ca. 100m breite und 40m lange Schneebrettlawine mit einer durchschnittlichen Anrissmächtigkeit von ca. 30cm.

Die hinterherfahrende Person befand sich außerhalb des Schneebretts, nahm dieses sofort wahr und versuchte die vorausfahrende Person noch zu warnen. Diese wurde jedoch vom Schneebrett erfasst und in einer Geländefalle 1,7m tief verschüttet. Aufgrund fehlender Notfallausrüstung konnte keine effiziente Kameradenrettung durchgeführt werden. Sehr rasch – bereits 10 Minuten nach dem Lawinenabgang – traf die erste Rettungsmannschaft ein. Nach ca. 90m Minute nach ihrer Verschüttung konnte die Person durch Sondieren aufgefunden werden, verstarb jedoch noch am selben Tag in der Klinik.

Überblicksbild auf das Schneebrett unterhalb des Wetterkreuzes in der Region Tuxer Alpen Ost. (© Alpinpolizei, 11.01.2026)
Überblicksbild auf das Schneebrett unterhalb des Wetterkreuzes in der Region Tuxer Alpen Ost. (© Alpinpolizei, 11.01.2026)
Überblicksbild auf das Schneebrett unterhalb des Wetterkreuzes in der Region Tuxer Alpen Ost. Eingezeichnet mit Pfeilen ist die Aufstiegsspur. Der Kreis symbolisiert die Verschüttungsstelle. (© Alpinpolizei, 11.01.2026)
Überblicksbild auf das Schneebrett unterhalb des Wetterkreuzes in der Region Tuxer Alpen Ost. Eingezeichnet mit Pfeilen ist die Aufstiegsspur. Der Kreis symbolisiert die Verschüttungsstelle. (© Alpinpolizei, 11.01.2026)
Ein Blick aus der Luft zeigt nochmals eindrucksvoll die Auswirkung der Geländefalle auf den Auslauf der Schneebrettlawine. Rechts - ohne Geländefalle - lief das Schneebrett gut aus. Rechts staute sich die Lawine in der ausgeprägten Mulde.  (Kreis zeigt die Verschüttungsstelle.) (© Alpinpolizei, 11.01.2026)
Ein Blick aus der Luft zeigt nochmals eindrucksvoll die Auswirkung der Geländefalle auf den Auslauf der Schneebrettlawine. Rechts – ohne Geländefalle – lief das Schneebrett gut aus. Rechts staute sich die Lawine in der ausgeprägten Mulde. (Kreis zeigt die Verschüttungsstelle.) (© Alpinpolizei, 11.01.2026)

Die Schneedecke

Im Nahbereich des Lawinenabgangs führten wir am 12.01. gemeinsam mit der Alpinpolizei und einem unserer Beobachter die Schneedeckenanalyse durch. Entscheidend war die Kombination aus Neuschnee bzw. frischem Triebschnee samt einer sehr schwachen Altschneedecke.

Schneeprofil im Nahbereich der Unfallstelle. Das Schneebrett löste sich bei einer ausgeprägten Schwachschicht angrenzend an die Regenkruste vom 08.12.2026. Die durchgeführten Stabilitätstests  
zeigten eine hohe Störanfälligkeit und gute Bruchfortpflanzung.
Schneeprofil im Nahbereich der Unfallstelle. Das Schneebrett löste sich bei einer ausgeprägten Schwachschicht angrenzend an die Regenkruste vom 08.12.2026. Die durchgeführten Stabilitätstests
zeigten eine hohe Störanfälligkeit und gute Bruchfortpflanzung.

Wie in weiten Teilen Tirols war die Schneehöhe für die Jahreszeit unterdurchschnittlich. Markant war allerdings der Unterschied zwischen der Schneebedeckung im Aufstiegsbereich und hinter dem Grat, wo sich vermehrt Triebschnee abgelagert hat.

Im Aufstieg zum Wetterkreuz. Im Vordergrund dominieren schneeärmere Bereiche, im Hintergrund kammnah eingewehte Bereiche. Ähnlich ausgerichtet, nur etwas höher ist der Unfallhang. (© LWD Tirol, 12.01.2026)
Im Aufstieg zum Wetterkreuz. Im Vordergrund dominieren schneeärmere Bereiche, im Hintergrund kammnah eingewehte Bereiche. Ähnlich ausgerichtet, nur etwas höher befindet sich der Unfallhang. (© LWD Tirol, 12.01.2026)

Weiterhin Alarmzeichen, die auf eine störanfällige Schneedecke hinweisen

Wie schon anfangs erwähnt, erreichten uns während der vergangenen Woche täglich Rückmeldungen über sämtliche Alarmzeichen, also frische Lawinen, Setzungsgeräusche, Rissbildungen und zudem Fernauslösungen. Einige Bilder sollen ergänzend zum letzten Blogeintrag einen Eindruck über die nicht alltägliche lange Dauer solcher Rückmeldungen aus dem Gelände geben.

Lawinenabgänge

Fernauslösungen beim Albonagrat (© Fynn Renner, 09.01.2026)
Fernauslösung beim Albonagrat in der Region „Verwallgruppe Mitte“ (© Fynn Renner, 09.01.2026)
Fernauslösungen beim Naviser Kreuzjöchl in der Region Tuxer Alpen West (© Fabian Schuster)
Fernauslösungen beim Naviser Kreuzjöchl in der Region „Tuxer Alpen West“ (© Fabian Schuster)
Interessanter Lawinenabgang bei der Stertaspitze in der Region "Verwallgruppe Mitte". Der Bruch pflanzte sich über den Kamm auf die andere Hangseite fort. (© Nico Metz, 11.01.2026)
Interessanter Lawinenabgang bei der Stertaspitze in der Region „Verwallgruppe Mitte“. Der Bruch pflanzte sich über den Kamm auf die andere Hangseite fort. (© Nico Metz, 11.01.2026)
Fernauslösung am Gamskopf in der Region "Kitzbüheler Alpen Wildschönaui". Durch die am 12.01. über Tirol ziehende Warmfront verbesserte sich bis etwa 2300m hinauf die Bretteigenschaft, was die Auslösewahrscheinlichkeit erhöhte. (© Christoph Silberberger, 13.01.2026)
Fernauslösung am Gamskopf in der Region „Kitzbüheler Alpen Wildschönaui“. Durch die am 12.01. über Tirol ziehende Warmfront verbesserte sich bis etwa 2300m hinauf die Bretteigenschaft, was die Auslösewahrscheinlichkeit erhöhte. (© Christoph Silberberger, 13.01.2026)
Fernauslösung am Knödelkopf in der Region "Verwallgruppe Mitte" (© LWD Tirol, 13.01.2026)
Fernauslösung am Knödelkopf in der Region „Verwallgruppe Mitte“ (© LWD Tirol, 13.01.2026)
Fernauslösung am Kreuzjoch in der Region "Zillertaler Alpen Nordwest" (© Christian Eberharter)
Fernauslösung am Kreuzjoch in der Region „Zillertaler Alpen Nordwest“ (© Christian Eberharter)

Rissbildungen und Setzungsgeräusche

Ein, diese Woche häufiger Begleiter: Setzungsgeräusche und Rissbildungen in der Schneedecke. Skigebiet Thurntaler in der Region "Deferegger Alpen Ost" (© Anton Riepler, 13.01.2025)
Ein, diese Woche häufiger Begleiter: Setzungsgeräusche und Rissbildungen in der Schneedecke. Skigebiet Thurntaler in der Region „Deferegger Alpen Ost“ (© Anton Riepler, 13.01.2025)

Weitere Infos zur vergangenen Woche

Ergänzend zum letzten Blogeintrag hier noch ein paar Anmerkungen: Neuschnee samt starkem Wind dominierte das Wettergeschehen vom 08.01. bis zum Sonntag, den 11.01.. Am Sonntag allerdings besserte sich das Wetter bereits in den Morgen- bzw. Vormittagsstunden. Ein meist strahlender Tag mit vielen Personen im Gelände während einer verbreitet heiklen Lawinensituation. Am Montag, den 12.01. brachte dann eine Warmfront etwas Niederschlag – Regen bis verbreitet 2000m hinauf. Allerdings, und das überraschte uns, fanden wir bei einer großflächigen Geländeerkundung mit der Flugpolizei auch auf 2600m noch eine dünne Regenkruste, die vom 12.01. stammen musste. Dazu eine große Bitte: Wir sind aktuell sehr an Rückmeldungen über diese kürzlich entstandene oberflächennahe Kruste interessiert (Angabe der Örtlichkeit und Höhe bitte direkt via SNOBS), da diese wiederum Auswirkungen auf die Lawinengefahr in der Zukunft haben kann (aufbauende Umwandlung im Bereich dieser Kruste).

Regenkruste bei der Kotalm im Rofan (© Bernd Hassmann, 13.01.2026)
Regenkruste bei der Kotalm im Rofan (© Bernd Hassmann, 13.01.2026)
Einhergehend mit dem Regen lösten sich auch Lockerschneerutsche. (© Stefan Zangerl, 13.01.2026)
Einhergehend mit dem Regen lösten sich auch Lockerschneerutsche. (© Stefan Zangerl, 13.01.2026)
Wetterstationsgrafik Am Adamsberg oberhalb von Galtür. Neuschnee. Anfangs Schnee samt Wind, dann kurze Wetterbesserung am Sonntag, dann Warmfront mit etwas Niederschlag, dann Wetterbesserung.
Wetterstationsgrafik Am Adamsberg oberhalb von Galtür. Neuschnee. Anfangs Schnee samt Wind, dann kurze Wetterbesserung am Sonntag, dann Warmfront mit etwas Niederschlag, dann Wetterbesserung.
Zum Vergleich die Wetterstation Alpbach-Wiedersberger Horn. Weniger Niederschlag als im Westen. Gut zu erkennen auch der Temperaturanstieg durch die Warmfront am 12.01.2026
Zum Vergleich die Wetterstation Alpbach-Wiedersberger Horn. Weniger Niederschlag als im Westen. Gut zu erkennen auch der Temperaturanstieg durch die Warmfront am 12.01.2026
Niederschlagsverteilung der Warmfront vom 12.01.2026
Niederschlagsverteilung der Warmfront vom 12.01.2026
Berechnete "trockene Schneefallgrenze" in der Region "Östliche Verwallgruppe"
Berechnete „trockene Schneefallgrenze“ in der Region „Östliche Verwallgruppe“

Am 13.01. verschafften wir uns mit Unterstützung der Flugpolizei und dem Landeshubschrauber einen Überblick über die Situation. Hier ein paar Eindrücke:

Dank des Hubschraubers konnten wir an verschiedensten Orten effizient Schneedeckenuntersuchungen durchführen und uns zudem einen Überblick über die spontane Lawinenaktivität verschaffen. (© LWD Tirol, 13.01.2026)
Dank des Hubschraubers konnten wir an verschiedensten Orten effizient Schneedeckenuntersuchungen durchführen und uns zudem einen Überblick über die Schneeverteilung und spontane Lawinenaktivität verschaffen. (© LWD Tirol, 13.01.2026)
Spontane Lawinenabgänge im Fimbatal in der Silvretta (© LWD Tirol, 13.01.2026)
Spontane Lawinenabgänge im Fimbatal in der Silvretta (© LWD Tirol, 13.01.2026)
Die Pfeile zeigen auf spontane Lawinenabgänge im Südwesten Nordtirols. (© LWD Tirol, 13.01.2026)
Die Pfeile zeigen auf spontane Lawinenabgänge im Südwesten Nordtirols. (© LWD Tirol, 13.01.2026)
Oftmals waren die Lawinen bereits wieder überschneit bzw. überweht, wie hier leicht links unterhalb der Bildmitte (© LWD Tirol, 13.01.2026)
Oftmals waren die Lawinen bereits wieder überschneit bzw. überweht, wie hier leicht links unterhalb der Bildmitte (© LWD Tirol, 13.01.2026)
Bezeichnend für viele Regionen Tirols. Immer noch wenig Schnee. Unregelmäßige Schneeverteilung aufgrund des Windeinflusses (© LWD Tirol, 13.01.2026)
Bezeichnend für viele Regionen Tirols. Immer noch wenig Schnee. Unregelmäßige Schneeverteilung aufgrund des Windeinflusses (© LWD Tirol, 13.01.2026)
Überall ein ähnliches Bild. Ausgeprägte Schwachschichten im Altschnee (meist unter oder zwischen Krusten). Geigenkamm (© LWD Tirol, 13.01.2026)
Überall ein ähnliches Bild. Ausgeprägte Schwachschichten im Altschnee (meist unter oder zwischen Krusten). Geigenkamm (© LWD Tirol, 13.01.2026)

Die Schneedecke ist im ganzen Land ähnlich (schlecht) aufgebaut. Einzig die Schneemächtigkeit variiert. Am meisten Schnee liegt aktuell im Westen Nordtirols und im nördliche Osttirol in großer Höhe.

Mehrere potentielle Schwachschichten im Fimbatal in der Silvretta.
Mehrere potentielle Schwachschichten im Fimbatal in der Silvretta.
Hier ein Profil aus der Venedigergruppe mit  kantigen Schichten auf  einer Kruste.
Hier ein Profil aus der Venedigergruppe mit kantigen Schichten auf einer Kruste.

Weitere Profile findet ihr, wie immer, auf unserer Seite hier:

Wie geht es weiter?

Laut Geosphere Austria (GSA) dreht die Strömung in Westösterreich zum
Wochenende stärker auf Süd und es wird leicht föhnig. Die einbezogenen
Luftmassen sind weiterhin mild. Niederschlag ist bis auf Weiteres nicht in Sicht.

Die Lawinengefahr wird weiter langsam zurückgehen. Wir rechnen jedoch auch noch am Wochenende noch mit einer durchwegs erhöhten Auslösewahrscheinlichkeit von Lawinen. Immer dann wenn die Schneedecke das Problem ist, ist das Gelände die Lösung. Wir plädieren deshalb weiterhin zu einer defensiven Routenwahl.